Unser Karl May

Der Dichter, Abenteuer- und Heimatschriftsteller Karl May, Sohn unserer Stadt Hohenstein-Ernstthal, ist der auflagenstärkste Autor deutscher Sprache. Darauf sollten wir sehr stolz sein! Unzählige Leser kennen durch die Buchveröffentlichungen des Karl-May-Verlags Bamberg · Radebeul unsere Stadt. Wer den 34. Band der Gesammelten Werke »Ich« aufschlägt, findet zwei Karten von Hohenstein-Ernstthal und Umgebung. Die Karl-May-Geburtsstadt ist somit weltbekannt. Namhafte prominente Persönlichkeiten haben sich über Generationen hinweg zu Karl May bekannt. Die Liste ist lang, eine Auswahl:

Karl May wurde am 25. Februar 1842 in Ernstthal (heute Hohenstein-Ernstthal) als fünftes von vierzehn Kindern geboren; neun von ihnen starben in frühester Kindheit. Im Hause May herrschte größtes Elend – bittere Armut, manchmal gar Hungersnot. Die Zustände im ›Weberelend‹ sind mit heutigen Verhältnissen in den Entwicklungsländern vergleichbar – ideale Voraussetzungen für Vitamin-Mangel-Erkrankungen und Infektionen. Mit großer Wahrscheinlichkeit litt May als Kleinkind zeitweilig an einer funktionellen Blindheit (Blepharospasmus, Lidkrampf).
   Nach schwerer Jugend absolvierte er 1861 sein Examen zum Volksschullehrer. Sein Abgangszeugnis hatte die Gesamtnote »gut«. Als Hilfslehrer war May dann in Glauchau und Altchemnitz tätig. Durch die Intrige eines Buchhalters – gewichtige Indizien sprechen dafür – wurde er des Diebstahls einer Taschenuhr bezichtigt. Er wurde höchstwahrscheinlich (die Akten sind nicht erhalten) wegen »widerrechtlicher Benutzung fremder Sachen« nach Art. 330, Abs. 3, verurteilt. Dieser Paragraph wurde wenige Jahre später abgeschaft, es wäre nicht zu einer folgenschweren Verurteilung gekommen. Man verhängte aber die Höchststrafe: sechs Wochen Gefängnis. Mays Name wurde daraufhin aus der Liste der sächsischen Schulamtskandidaten gestrichen. Auch die Erteilung von Privatunterricht war ihm ausdrücklich untersagt worden. Seine bürgerliche Existenz geriet ins Wanken. Aus psychisch-seelischer Verstörung kam er auf die schiefe Bahn, indem er sich an die Justiz und Gesellschaft zu rächen versuchte. Der Schaden, den May mit seinen phantasievollen Delikten anrichtete, erreichte insgesamt keine 1000 Mark. Dafür war er insgesamt fast 8 Jahre inhaftiert. Die Höhe der Strafe ist aus heutiger Sicht unvorstellbar. »May hat später, als er zu Geld gekommen war, viele tausend Mark an Bedürftige verschenkt, er hat auch sein gesamtes Vermögen und alle innerhalb der Schutzfrist noch zu erzielenden Einnahmen aus seinen Werken einer Stiftung für mittellose Künstler hinterlassen. Auch ist der Läuterungsgedanke«, wie der Strafrechtler Claus Roxin anmerkt, »eine der Grundtendenzen seines Werkes – nicht überall zu dessen literarischem Vorteil«.

Karl-May-Geburtshaus

Karl May

Villa Shatterhand

Karl-May-Geburtshaus

Karl May

Villa »Shatterhand.«

Es ist eine große Leistung Mays, dass er nach seinen langen Haftstrafen 1874 wieder ins bürgerliche Leben zurückfand. Er schaffte den Einstieg in die Literatur und schrieb zunächst vor allem heimatliche Novellen (›Die Rose von Ernstthal‹, ›Wanda‹, ›Die Fastnachtsnarren‹), die in Hohenstein-Ernstthal und Umgebung spielen. Sehr großen Erfolg hatte er mit seinen fünf Kolportageromanen. Der Durchbruch gelang ihm mit seinen ›Reiseerzählungen‹, die ab 1892 in Buchform erschienen. May schildert darin in der Ich-Form die abenteuerlichen Erlebnisse seines Helden in exotischen Ländern, vor allem im Wilden Westen Nordamerikas und im Orient. Es gelang ihm, wie Claus Roxin urteilt, diese fiktiven Berichte so suggestiv vorzutragen und ihren geographischen und völkerkundlichen Hintergrund so farbenprächtig auszumalen, dass die Reiseerzählungen (›Winnetou‹, ›Old Surehand‹, ›Durch die Wüste‹ usw.), obwohl ihr literarischer Wert nach wie vor unterschiedlich beurteilt wird, bis heute immer neue Lesergenerationen in ihren Bann schlagen. Auch die humane Tendenz seiner Bücher und ihr Einsatz für unterdrückte Völker (wie die Indianer und die Kurden) sichern dem »Shakespeare der Jungens« (Ernst Bloch) immer wieder aktuelles Interesse und die Zuneigung ungezählter Leser.
   Für die Jugend schrieb May die acht Erzählungen ›Der Sohn des Bärenjägers‹, ›Der Geist des Llano estakdo‹, ›Kong-Kheou, das Ehrenwort‹ (›Der blau-rote Methusalem‹), ›Die Sklavenkarawane‹, ›Der Schatz im Silbersee‹, ›Das Vermächtnis des Inka‹, ›Der Ölprinz‹ und ›Der schwarze Mustang‹. Noch heute gehören, so der Literat Hans Wollschläger, diese Bände »zu den Guten Büchern, die Kindern in die Hand zu geben wären«. Wollschläger spricht ihnen »das Maß klassischer Leistung« zu.

Erzgebirgische Dorfgeschichten Der Schatz im Silbersee Und Friede auf Erden!
Erzgebirgische Dorfgeschichten Der Schatz im Silbersee Und Friede auf Erden!

Mays Gesamtwerk enthält nur sehr wenige vom damaligen Zeitgeist im Kaiserreich beeinflusste negative Formulierungen gegen andere Völker. In seinem Alterswerk distanzierte er sich völlig von oberflächlichen Stereotypen. Beispielhaft ist Mays Freundschaft zur Begründerin der Friedensforschung und Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843–1914). 1905 hielt Bertha von Suttner einen Vortrag in Dresden. Unter den Zuhörern war Karl May mit seiner Frau Klara:
   »… wir hatten Sie noch nie gesehen, obgleich wir Ihr großes, segensreiche Wirken und auch alle Ihre Bücher kennen. Wir freuten uns unendlich über die Gelegenheit, Ihre weithin schallende, gewichtige Stimme zu ... hören. Und wir hörten sie, bis zur tiefsten Erschütterung. Meine Frau, die Gute, weinte, und auch ich wehrte mich der Tränen nicht … [ich] darf … offenbaren, dass Ihre Seele alle meine Bücher belebt, auch das hier vorliegende. Wir, die wir uns von dieser Seele leiten lassen, scheuen weder Hass noch Hohn. Wir gehen ruhig des Weges, den sie uns führen. Schon sehen wir das Ziel; werden es erreichen. Gott segne Sie!« [Brief Karl Mays an Bertha von Suttner vom 17.10.1905. Der Originalbrief befindet sich im Bertha-von-Suttner-Archiv der Vereinten Nationen in Genf.]
   Fortan tauschten beide, Bertha von Suttner und Karl May, ihre Friedensgedanken aus. Als May in Wien am 22. März 1912 seine große pazifistische Rede »Empor ins Reich der Edelmenschen« vor dreitausend begeisterten Zuhören hielt, saß sie vor seinem Rednerpult. Nur wenige Tage später, am 30. März, starb May.
   Bertha von Suttner schrieb den Nachruf für das Wiener Blatt ›Die Zeit‹ (5.4.1912). Hieraus lässt sich ersehen, wie sehr beider Seelen miteinander verbunden waren:

Einige Worte über Karl May.
Von Berta v. Suttner.

Die Nachricht von Karl Mays Tode wird alle jene, die hier im Sophiensaal dem allerletzten Vortrag, den er gehalten, beigewohnt haben, ganz besonders erschüttern. Er sprach viel vom Sterben und vom Jenseits, von göttlichen und ewigen Dingen, und es lag etwas Seherhaftes, Unendlichkeitssehnendes in seiner ganzen Art. Zwar dachte er nicht an ein eigenes nahes Ende, denn er teilte mit, dass er, der Siebzigjährige, erst sein Hauptwerk schreiben wolle. Einmal aber erwähnte er, der Arzt habe ihm verboten, zu reisen und öffentlich zu sprechen - es könnte ihm - nach kaum überstandener Krankheit - das Leben kosten.
   Und richtig, so ist es auch gekommen; kaum von Wien in sein Heim bei Dresden zurückgekehrt, legte er sich und starb. Er hatte noch eine große Freude erlebt. Der Jubel, mit dem ihn die dreitausend Zuhörer umtosten, war ja nicht nur der Ausdruck von dem Schriftsteller gewidmetem Beifall gewesen, sondern vielmehr eine Demonstration von persönlicher Verehrung, ein Protest gegen die Bosheits- und Verleumdungskampagne, die gegen ihn geführt worden und aus der er voll rehabilitiert hervorgegangen war, die ihm aber durch zehn lange Jahre das Leben verbittert hatte.
   Wer den schönen alten Mann an jenem 22. März (am 30. März, seinem Hochzeitstag, traf ihn ein Herzschlag) sprechen gehört, durch ganze zwei Stunden, weihevoll, begeisterungsvoll, in die höchsten Regionen des Gedankens strebend - der musste das Gefühl gehabt haben: In dieser Seele lodert das Feuer der Güte.

Berta von Suttner

Karl May

Berta von Suttner

Karl May

Bemerkenswerte Aussprüche Karl Mays, die seine tolerante Gesinnung in der wilhelminischen Zeit dokumentieren:

»Wehe und tausendmal wehe dem Volke, welches das Blut und das Leben von Hunderttausenden vergießt, um anderthalb Schock Ritter des eisernen Kreuzes dekorieren zu können! Wir brauchen Männer des Geistes, Männer des Wissens und der Kunst. Die wachsen aber nicht bei Wagram oder Waterloo!« – Karl May an den Maler und Freund Sascha Schneider (1906)

»Auch der Indianer ist Mensch und steht im Besitze seiner Menschenrechte; es ist eine schwere Sünde, ihm das Recht, zu existieren, abzusprechen und die Mittel der Existenz nach und nach zu entziehen.« – Ein Ölbrand, in: Das Neue Universum, Stuttgart 1882, S. 3.

»Einen Weißen? … Aber das ist fürchterlich!« - »Nicht fürchterlicher, als wenn man einen Schwarzen verkauft. Mensch ist Mensch.« – Waldröschen, Dresden 1883, S. 189.

»Ein jedes Volk hat das Recht, sich selbst zu regieren.« – Waldröschen, Dresden 1884, S. 1670.

»Der rote Mann kämpft den Verzweiflungskampf; er muss unterliegen; aber ein jeder Schädel eines Indianers, welcher später aus der Erde geackert wird, wird denselben stummen Schrei zum Himmel stoßen, von dem das vierte Kapitel der Genesis erzählt.« – Der Sohn des Bärenjägers, Stuttgart 1890, S. 78.

»Vor allen Dingen bin ich Mensch, und wenn ein andrer Mensch sich in Not befindet und ihm helfen kann, so frage ich nicht, ob seine Haut eine grüne oder blaue Farbe hat.« – Old Surehand I, Freiburg 1894, S. 242.

»Geht mir mit einer Zivilisation, die sich nur vom Länderraub ernährt und nur im Blute watet! Wir wollen da gar nicht etwa nur von der roten Rasse reden, o nein. Schaut in alle Erdteile, mögen sie heißen, wie sie wollen! Wird da nicht überall und allerwärts grad von den Zivilisiertesten der Zivilisierten ein fortgesetzter Raub, ein gewalttätiger Länderdiebstahl ausgeführt, durch welchen Reiche gestürzt, Nationen vernichtet und Millionen und Abermillionen von Menschen um ihre angestammten Rechte betrogen werden?« – Old Surehand III, Freiburg 1896, S. 127.

»Die Klugheit ist stärker als die Gewalt, und die Milde mächtiger als der Mord.« – Satan und Ischariot III, Freiburg 1897, S. 466.

»Wer Tiere quält, taugt nichts; wer aber Menschen unnütz wehe tut, der ist noch viel weniger wert.« – Der schwarze Mustang, Stuttgart 1899, S. 192.

»Aber ich klage die ganze sich ›zivilisiert‹ nennende Menschheit an, dass sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, dass dieses ›Zivilisieren‹ nichts anderes als ein ›Terrorisieren‹ ist!« – Und Friede auf Erden!, Freiburg 1904, S. 278.

»Wie man den Krieg führt, das weiß jedermann; wie man den Frieden führt, das weiß kein Mensch. Ihr habt stehende Heere für den Krieg, die jährlich viele Milliarden kosten. Wo habt ihr eure stehenden Heere für den Frieden, die keinen einzigen Para kosten, sondern Millionen einbringen würden?« – Ardistan und Dschinnistan I, Freiburg 1909, S. 17.

»Steuern sind erzwungener Tribut. Keiner gibt sie gerne. Werden sie für Werke des Friedens verwendet, so bringen sie Segen. Verlangt man sie aber für den Krieg, so bringen sie Fluch.« – Ardistan und Dschinnistan I, Freiburg 1909, S. 288.
  


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